Geschichtskurse auf Spurensuche - GamMa

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Geschichtskurse auf Spurensuche

Aktuelles > Rückblick > Schuljahr 15/16 > September 2015


In den Geschichtsbüchern lesen die Schüler viel über die deutsche Vergangenheit. Aber wie kommen die Autoren an die Informationen und wie arbeiten Historiker konkret? Diese Frage stellten sich die Geschichtskurse 12 eAN von Herrn Dr. Plath und Fr. Entelmann am 22.09. bzw. 24.09. im Rahmen eines ganztägigen Workshops zum Thema „Entnazifizierung" im Staatsarchiv Bremen. Der Workshop wurde jeweils von Fr. Mamzer von der Universität Bremen durchgeführt.
Zunächst einmal stellte sich heraus, dass den Schülern der Zweck und die Aufgaben eines Archivs kaum bekannt waren, auch wenn einige Schüler bereits für ein Ausstellungsprojekt zum Thema „Flucht und Vertreibung" das Achimer Stadtarchiv aufgesucht hatten.
Die Gruppen erhielten zu Beginn eine einstündige Führung durch das Archiv. Hierbei wurden zunächst die Aufgaben des Staatsarchivs Bremen erläutert. Für Verwunderung sorgte bei den Schülerinnen und Schülern, dass die Archivalien bis heute nur zum kleinsten Teil digitalisiert sind. Die Schülerinnen und Schüler bekamen zunächst Mikrofiche und Mikrofilme zu sehen, auf denen vor allem Adressbücher und Zeitungen verfilmt sind. Dann ging es in die eigentlichen Archivräume, wo die Schülerinnen und Schüler unter anderem ein Armenbuch aus dem 18. Jahrhundert und eine mittelalterliche Urkunde anfassen und zu entziffern versuchen konnten. In der Restaurierungswerkstatt wurde am  konkreten Beispiel erklärt, wie Plakate mit Wasserschaden wiederhergestellt werden.
Der Führung folgte eine Einführung von Fr. Mamzer zu den Entnazifizierungsvorgängen konkret in Bremen. Da Bremen zur amerikanischen Besatzungszone gehört, aber vom britischen Gebiet umgeben war, herrschte längere Zeit rechtliche Unklarheit über die anzuwendenden Verfahren. Während die Entnazifizierung zunächst in den Händen der Alliierten lag, wurde sie im März 1946 an die deutschen Schwurgerichte übergeben. Nach einer Erläuterung der Verfahrensabläufe am Schwurgericht bekamen die Schüler in Partnerarbeit originale Entnazifizierungsakten in die Hand. Sie sollten sich mit den Fällen vertraut machen und diese dann im Plenum vorstellen und bewerten. Hierbei stellten sie bei einigen Beschuldigten Ungereimtheiten bei den Aussagen fest und erkannten die Problematik der angeführten Entlastungszeugen. Außerdem überraschte die geringe Höhe der von den Schwurgerichten verhängten Strafen die Schüler teilweise.
In der Auswertungsphase herrschte Erstaunen darüber, dass im Jahr 1952 pauschal fast alle Verurteilten als „Mitläufer" eingestuft bzw. begnadigt wurden, unabhängig davon, ob sie nun nachweislich als Aufseher in verschiedenen Konzentrationslagern gearbeitet, Juden während der sog. „Reichskristallnacht" ermordet oder lediglich angeblich andere Personen denunziert hatten. Diese Begnadigungswelle hatte seine Ursache darin, dass im Zuge des Kalten Kriegs die Entnazifizierung unwichtig wurde und ein Schlussstrich unter die Aufarbeitung der Jahre 1933-1945 gezogen werden sollte.
Die Schülerinnen und Schüler erhielten während des Workshops anhand konkreter Fälle einen Einblick in den Umgang mit der NS-Zeit während der direkten Nachkriegszeit und hatten sichtliches Interesse an der Auswertung der Aktenstücke, denn sie hätten sich noch gern länger mit den einzelnen Fällen auseinandergesetzt.

Christian Plath

 
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