BSC-Workshop - GamMa

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BSC-Workshop

Aktuelles > Rückblick > Schuljahr 14/15 > Juni

Am 26.06.15 war es wieder soweit: Die Bremer Shakespeare-Company war zu Besuch am GamMa. Nachdem die Bremer Schauspieler bereits im Juni letzten Jahres ihre szenische Lesung „Eine Stadt im Krieg- Bremen 1914-1918" präsentiert hatten, so stand diesmal ein Workshop zum Thema „Margarete Ries: Vom asozialen Häftling in Ravensbrück zum Kapo in Auschwitz" auf dem Programm.
Margarete Ries wurde 1939 wegen „Arbeitsscheu und liederlichen Lebenswandels" zunächst verhaftet und im August 1939 ins KZ Ravensbrück deportiert. Im Oktober 1942 kam sie nach Auschwitz, wo sie in der Frauen-Strafkompanie im Nebenlager Budy als Kapo tätig war. Im Januar 1948 wurde Ries am Bremer Hauptbahnhof zufällig von einem früheren Häftling erkannt und verhaftet.

20 Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 10 und 11 bekamen in einer teilweise sehr emotionalen szenischen Lesung Passagen aus den Verhörprotokollen der amerikanischen Militärregierung zu hören. Verschiedene Zeugen beschuldigten Margarete Ries, für den Tod mehrerer Häftlinge verantwortlich zu sein. Die Beschuldigte bestritt zunächst, jemals in Auschwitz gewesen zu sein, verwickelte sich aber mehr und mehr in Widersprüche.
Im Rahmen der szenischen Lesung wurden die verschiedenen Phasen des Verhörs durchgespielt. Im Juni 1949, 18 Monate nach ihrer Verhaftung, wurde Margarete Ries schließlich von der Bremer Spruchkammer freigesprochen, da die Frau angeblich selbst nur auf Befehl und auf Druck eines SS-Rottenführers gehandelt habe. Die Schülerinnen und Schüler und hörten sehr gespannt, aber auch betroffen den Aussagen zu. Das Urteil der Spruchkammer wurde kontrovers diskutiert und die Schüler bemerkten, dass die Frage nach Schuld und Unschuld im NS-Regime in vielen Fällen nicht einfach zu beantworten ist.

Der szenischen Lesung schloss sich direkt ein von Peter Lüchinger, Schauspieler der Shakespeare-Company, geleiteter Workshop an. Nach verschiedenen Aufwärmübungen sollten sich die Schüler in verschiedene Gruppen einteilen, z.B. schwarze Hosen, weiße Turnschuhe, blaue Augen usw. Als sie dies widerspruchslos taten, wurden sie darauf hingewiesen, dass Befehl und Gehorsam in Diktaturen genauso funktionierten.
Den letzten Teil des Workshops gestalteten Dr. Eva Schöck-Quinteros und Anna Mamzer von der Universität Bremen. Sie stellen zunächst die Befundlage zu den Akten über Margarete Ries dar und erklärten, wie sich mithilfe von Quellen Widersprüche in den Aussagen von Margarete Ries aufdecken lassen. Ihre Aussage, sie sei nie in Auschwitz gewesen, wurde z.B. durch entsprechende Dokumente widerlegt. Eva Schöck-Quinteros und Anna Mamzer wiesen ferner darauf hin, dass keine Tonbandaufnahmen zu den Verhören vorlägen und somit die Betonung der jeweiligen Sätze aus den Schriftstücken bereits Interpretation sei. Anhand einer kurzen Passage aus einem Dokument wurde den Schülern gezeigt, wie eine unterschiedliche Lesart die Aussage verändern kann.

Die Schülerinnen und Schüler bekamen in diesem Workshop nicht nur ein konkretes Beispiel eines Lebensschicksals zur NS- und Nachkriegszeit vor Augen geführt, sondern sie erfuhren auch, wie Historiker Archivalien aufarbeiten und wie die in Akten geschilderten Schicksale „lebendig" werden.
Aufgrund der äußerst positiven Resonanz von beiden Seiten soll die Zusammenarbeit mit der Bremer Shakespeare-Company fortgesetzt werden. Für das kommende Schuljahr ist bereits der nächste Workshop am Gamma geplant.
C. Plath

 
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